Die neuen Freiheiten

Seit Mitte Dezember mußte ich für einen Besuch meiner Mutter im Altenheim einen tagesaktuellen Schnelltest vorweisen. Das ging meistens so:

Nachdem man artig, d.h. AHA-regelkonform und mit Abstand vor einem Testzentrum in einer Schlange gewartet hatte, wurde man abgeholt.
Mit einem freundlichen „Sie dürfen mitkommen“, wurde mir beschieden, daß ich nun dran sei.
„Sie dürfen hier ihre Hände desinfizieren.“ So kommt man berührungslos in Kontakt mit den Wundern modernster Technik. Nur die Hände vor den Sensor halten und schon durfte ich die Brühe inbrünstig zwischen den Fingern verreiben, um jedem Krankheitserreger den Garaus zu machen.
Aaaahh – das tut gut!
Im Testraum angekommen ging es weiter mit: „Sie dürfen hier Platz nehmen und dieses Formular ausfüllen. Wenn sie keinen Kugelschreiber haben, dürfen sie sich hier einen nehmen.“

Zwei Plastikschachteln mit den Aufschriften „benutzt“ und „desinfiziert“ machten den kleinen Unterschied zwischen Leben und Tod kenntlich.
„Sie dürfen den benutzten Kugelschreiber hier ablegen“, so wurde mir beschieden, nachdem das Formular ausgefüllt war.

Jetzt durfte ich mich auf einen anderen Stuhl setzen und meine FFP2-Maske herunter ziehen. Dann durfte ich wählen, welches Nasenloch heute dran ist. Gottseidank habe ich nur zwei, ansonsten wäre das Entscheidungsdilemma groß gewesen.
Denn wenn man regelmäßig, in meinem Fall fast täglich, Tests über sich ergehen lassen darf, sollte man auf eine gerechte Abwechslung zwischen linkem und rechtem Loch achten. Manche Probennehmer*innen bohren mit der Inbrunst von Folterknechten ausgiebig in den Tiefen des hinteren Rachenraumes, so als würden sie in den Formationen der Schädelknochen ergiebige Öllagerstätten oder Gold vermuten. Während der Probennehmer langsam und genüßlich bis zehn zählt, darf die Testperson mit hervorquellenden Augen auf dem Stuhl zappeln und kämpft mit Augenwasser und Niesreiz.
Warum ein so hochansteckendes Virus, das in zig boshaften Varianten, von Aerosolen in Windeseile um die ganze Welt getragen wird, mittels gründlicher Tieflochbohrung aus dem Vorhof des Kleinhirns heraus praktiziert werden muß, konnte mir bisher niemand erklären.

War der kombinierte Bohr- und Foltervorgang der Probenentnahme vollzogen, hieß es freundlich: „Sie dürfen draußen warten, es dauert ca. 15 – 20 Minuten.“ Das hat meistens geklappt, jedoch gab es manche Teams, die so unorganisiert waren, daß man 45 – 60 Minuten warten durfte.
Egal, denn man durfte ja warten und wenn es länger gedauert hat war‘s auch nicht schlimm, denn all die Sachen, die ich jetzt täglich machen durfte, oft angeleitet von freundlichen jungen Damen in steriler Vollkörperverhüllung, machten die Testerei zu einem einzigen, die Sinne verwirrenden Glückserlebnis. Deshalb empfand ich die 15 bis 60 Minuten Wartezeit nicht als Zeitverschwendung, sondern als willkommene Gelegenheit der Entschleunigung und inneren Sammlung, um die vielen, neu dazu gewonnenen Freiheiten zu sortieren, zu bewerten und im Nachgang zu genießen.

Aber noch war der Freudenkelch nicht zur Neige gekostet, denn nachdem ich meine Bescheinigung mit dem negativen Testergebnis in Empfang genommen hatte, durfte ich mich vom Testzentrum zum Altenheim begeben, dort durfte ich wieder meine Maske aufsetzen und durfte erneut ein Formular ausfüllen. Und nicht zu vergessen, ich durfte jedes Mal meine Stirn hinhalten, damit man meine Körpertemperatur messen konnte. Das alles für umsonst!
Damit ist es vorerst vorbei. Ein tendenziell sinkender Inzidenzwert, der in Speyer aktuell auf Schrumpfstufe 15,8 gefallen ist, hat dazu geführt, daß man sich nicht mehr für jede Aktion außerhalb der eigenen vier Wände testen lassen darf.
Auch darf man in der Innenstadt keine Maske mehr tragen –seufz.
Wo bleibt das, den Kernbestand des menschlichen Daseins kräftigende Sicherheitsgefühl, das nur die Prozedur des täglichen Coronatests mit negativem Befund vermitteln konnte?
Oder das liebgewonnene, befreiende Glücksgefühl nach überstandener Tieflochbohrung seinem Niesreiz freien Lauf zu lassen?

Was soll zukünftig aus mir werden, frage ich mich bange und verunsichert. Wie trist und langweilig wird mein Alltag sein, wenn ich all diese vielen schönen Sachen nicht mehr machen darf.

Könnte die gesamtumfängliche Rückkehr der alten Freiheiten, wie wir sie vor der Coronakrise kannten, also langweiliges Zeug wie Freizügigkeit, Reisefreiheit, offene Grenzen, Versammlungsfreiheit, freie Berufsausübung und dergleichen, also ewiggestriger Kram, irgendwo im Grundgesetz oder EU-Verträgen niedergeschrieben und ohne echten Gegenwartsbezug, einen vollwertigen Ersatz bieten?

Schon hört man von Personengruppen, die auch nach Ende der Corona-Plandemie auf ihr Freiheitsrecht, immer und überall eine Maske tragen zu dürfen, nicht verzichten wollen.
Regt sich da schon Widerstand gegen einen möglichen Verlust unserer neuen Freiheiten?

Solcherlei Sorgen sind unbegründet. Die Wandlungsfähigkeit von Viren im Allgemeinen und Coronaviren im Besonderen ist bekannt und erwiesen. Schon hat die neue Delta-Variante den Wahrnehmungshorizont überschritten und sichert den professionellen Angstmachern und Panik-Aufrechterhaltern, namens Wieler, Drosten und Klabauterbach ihren täglichen Auftritt in den allbekannten, medialen Formaten des betreuten Denkens. Immer neue Virus-Mutationen und die mit ihnen verbundene Infektionswellen lassen hoffen, daß uns die neuen, von einer fürsorglichen Regierung gewährten Freiheiten, wenn auch nur in Abwandlungen oder abgeschwächter Form, bald wieder gewährt werden und noch lange erhalten bleiben.


Matthias Schneider - Bürgerprotest Speyer | ©2018 - Alle Rechte vorbehalten