Besatzungs-und Separatistenzeit in der Pfalz 1918-1930

Zusammenfassung des Dia-Vortrages vom 16. Feb. 2020 im Mehrgenerationenhaus Speyer

Gemäß dem Waffenstillstand vom November 1918, wurde das gesamte linksrheinische Reichsgebiet einschließlich dreier Brückenköpfe bei Köln, Koblenz und Mainz von alliierten Truppen besetzt. In die damals zu Bayern gehörige Pfalz rückte ab Dezember die 8. französische Armee unter General Gerard als Besatzungsmacht ein.

Dies brachte in der Folge für die Bevölkerung erhebliche Einschränkungen mit sich. Post- Telefon- und Warenverkehr ins Rechtsrheinische wurden weitgehend eingeschränkt, ebenso die Freizügigkeit und zahlreiche andere bürgerliche Grundrechte. Die Presse unterlag strengster Zensur und Zeitungen aus dem Rechtsrheinischen waren verboten. Zahlreiche Bürger mußten Zimmer oder Wohnungen zur Einquartierung französischer Militärangehöriger räumen.

Direkt nach dem 1.Weltkrieg ist das Miteinander zwischen Besatzern und deutscher Bevölkerung gespannt und verständlicherweise von Haß und Mißtrauen geprägt.

Durch entsprechende Verordnungen und Kulturpropaganda arbeitet Frankreich gezielt auf eine dauerhafte Abtrennung der linksrheinischen Reichsgebiete hin.

Die bürgerkriegsähnlichen Unruhen im deutschen Reich und insbesondere in Bayern, die Angst vor den Härten des Versailler Vertrages, die Machtlosigkeit der neuen Reichsregierung und das erklärte Kriegsziel Frankreichs, den Rhein als neue Grenze festzulegen, dies alles schuf Anfang 1919 ein Klima der Angst und Ungewißheit hinsichtlich der zukünftigen staatlichen Zugehörigkeit der Pfalz.

Separatistische Umtriebe wie die „Freie Pfalz“-Bewegung des Dr. Haas aus Landau wurden von der französischen Besatzungsmacht gezielt gefördert. Trotzdem scheiterte der sogenannte Haas-Putsch am 1.Juni 1919 in Speyer kläglich am entschiedenen Widerstand der bayerischen Regierungsvertreter, unterstützt durch einen von der SPD und Gewerkschaften organisierten Volksauflauf.

Zur dauerhaften Organisation des Widerstandes gegen französische Propaganda und separatistische Agitation wurde von der bayerischen Regierung außerhalb des besetzten Gebietes die sog. „Abwehrstelle“ unter Leitung des Ritters von Eberlein eingerichtet. Sie war den Franzosen ein Dorn im Auge, mußte mehrmals Sitz und Tarnung wechseln und befand sich die meiste Zeit in Heidelberg.

Im Versailler Vertrag wurde festgelegt, daß die Besetzung der linksrheinischen Gebiete, als Bürgschaft für die Erfüllung, 15 Jahre lang dauern sollte. Einzelheiten waren in einem Anhang, dem sog. Rheinlandabkommen geregelt. Oberste zivile Besatzungsbehörde war die „Hohe interalliierte Rheinlandkommission“ mit Sitz in Koblenz.

Krisenhafte Zuspitzung erfuhr die Lage – auch in der Pfalz – durch die völkerrechtswidrige Besetzung des Ruhrgebietes im Januar 1923. Als Strafaktion wegen rückständiger Reparationszahlungen und zur Sicherung produktiver Pfänder, marschierten mehrere französische und belgische Divisionen ins Ruhrgebiet ein. Das militärisch entwaffnete deutsche Reich, hatte außer politischem Protest nichts entgegenzusetzen und reagierte mit Einstellung der Zahlungen und dem Aufruf zum passiven Widerstand. Dies führte in der Folge zum Erliegen der Wirtschaft und einer galoppierenden Inflation. Beamte, die sich den Weisungen der Besatzungsbehörde widersetzten, wurden samt Familie rigoros ausgewiesen.
Die Kreisregierung der Pfalz wanderte nach Heidelberg, ins „Badische Exil“ aus. Insgesamt wurden im Jahre 1923 ca. 21000 Pfälzer ausgewiesen; die Zahl der Erwerbslosen stieg im Oktober 1923 auf 120000. Die große Not weiter Kreise der Bevölkerung entlud sich in sog. Erwerbslosenunruhen, Scharen Hunger leidender Kinder wurden vorübergehend nach den neutralen Niederlanden ins unbesetzte Reichsgebiet oder nach Oberbayern verbracht.

Der passive Widerstand führte das Reich in den Bankrott und wurde im September 1923 abgebrochen. An der hoffnungslosen Situation in den besetzten Gebieten änderte dies nichts.

In dieser Krise, die geprägt war von Verelendung, Besatzergewalt und politischem Chaos, formierten sich die verschiedenen separatistischen Bewegungen neu und wurden, dank massiver französischer Unterstützung, zu einem politischen Faktor. Nach gewaltsamen Putschaktionen wurden im Oktober und November 1923 zuerst in Koblenz die „Rheinische Republik“ und danach in Speyer die „Autonome Pfalz“ ausgerufen. Die Franzosen leisteten durch Bereitstellung von Sonderzügen und durch Entwaffnung der Bürgerwehren und  Polizei wirksame Hilfe.
Präsident der „Autonomen Pfalz“ wurde der Landwirt Franz Josef Heinz, wegen seiner Herkunft aus dem nordpfälzischen Dorf Orbis auch Heinz-Orbis genannt.

Von langer Dauer waren diese Staatsgebilde nicht. Die separatistischen Machthaber waren uneins, der Rückhalt in der Bevölkerung war gering und weil die Beamtenschaft die Gefolgschaft verweigerte, war jegliche Regierungstätigkeit ausgeschlossen. In Ermangelung finanzieller Mittel und ohne stabile Währung war es den neuen Machthabern nicht möglich, die gravierenden, sozialen und wirtschaftlichen Probleme auch nur ansatzweise zu lösen und sich so in der Bevölkerung zumindest Achtung zu verschaffen. Stattdessen wurde zur Sicherung der schwachen Machtposition gegen politische Gegner mit brutaler Gewalt vorgegangen.
Im Pfalzkommissariat in München und bei der Abwehrstelle in Heidelberg, wird ab Dezember 1923 gezielt der gewaltsame Widerstand gegen die pfälzischen Separatisten organisiert. Ein Kommandotrupp unter Führung des Rechtsanwaltes Dr. Edgar Julius Jung verübt am 9. Januar 1924 ein Attentat auf die Führungsriege der „Autonomen Pfalz“. Dabei werden im Wittelsbacher Hof zu Speyer der Präsident Heinz-Orbis und zwei weitere Personen aus seinem Umfeld erschossen. Von den Widerstandskämpfern fallen Franz Hellinger und Ferdinand Wiesmann.
Am 12. Februar wird das von den Separatisten besetzte Bezirksamt von Pirmasens in Brand gesteckt und gestürmt, es gibt zahlreiche Tote und Verletzte auf beiden Seiten.

Auf höherer diplomatischer Ebene war letztendlich entscheidend, daß dieses autonome Staatsgebilde und sein Geburtshelfer Frankreich, mit dem entschiedenen Widerstand Englands konfrontiert waren. Der britische Konsul Clive wurde Mitte Februar entsandt, um die Zustände in der Pfalz festzustellen und darüber zu berichten.

Daraufhin mußte die „Autonome Pfalz“ auf Veranlassung der Rheinlandkommission schon ab 17. Februar 1924 jegliche Regierungstätigkeit einstellen. Die Bezirksämter wurden an die bayrischen Behörden zurückgegeben und die Bevölkerung entwaffnet. Die Separatisten setzten sich größtenteils nach Luxemburg oder Elsaß-Lothringen ab.

Im Laufe des Jahres 1924 entspannte sich die politische Situation zwischen Deutschland und Frankreich, zugunsten einer schrittweisen Annäherung. Im August 1925 wurde das Ruhrgebiet von französischen Truppen geräumt, mit dem Locarnopakt von 1925 die deutsche Westgrenze garantiert und der Weg für ein Ende der Besatzungszeit geebnet. Von 1926 bis 1930 vollzieht sich der Abzug der Besatzungstruppen in 3 Schritten.

Am 31. Juni 1930 verlassen die letzten französischen Truppen die Pfalz. Tags darauf veranstaltet die bayerische Regierung eine Befreiungsfeier in Speyer, aber auch andernorts im Pfälzer Land wird das Ende der Besatzungszeit mit großer Erleichterung aufgenommen und ausgiebig gefeiert.

Eine Zeit politischer Wirren und Not war zu Ende, die verdeutlicht, welche inneren und äußeren Krisen die junge Weimarer Republik geprägt und letztlich auch zu ihrem Scheitern beigetragen haben.

In der Pfalz war eine objektive Aufarbeitung dieser Epoche problematisch. In den 30er Jahren war das Erlebte noch zu nah und die Empfindungen der Betroffenen zu frisch, um eine nüchterne Erörterung zu ermöglichen.

Im Dritten Reich wurde der Widerstand gegen Besatzung und Autonomiebestrebungen propagandistisch ausgeschlachtet, manches verzerrt und der Boden für Legendenbildung geschaffen. Neben anderen Widerstandskämpfern wurden auch die in Speyer Gefallenen,  Hellinger und Wiesmann, von der Nazi-Propaganda vereinnahmt.
Ungerechtfertigterweise, denn die Führung der NSDAP hat die Abwehraktionen in der Pfalz nicht unterstützt. Auf der Suche nach aktiven Mitstreitern wandte sich Dr. Jung auch an Hitler, welcher ihm Anfang 1923 eine klare Absage erteilte.


Für die Zeit nach dem 2.Weltkrieg ist bezeichnend, daß dieses Thema im Schulunterricht nicht behandelt und von Historikern lange vernachlässigt wurde.
So erklärt sich die traurige Tatsache, daß dieses Kapitel Pfälzer Heimatgeschichte im Bewußtsein der Nachkriegsgeneration nicht mehr präsent ist.
Einige Historiker, die sich in jüngerer Zeit diesem Thema widmeten, bemühten sich weniger um sachliche Aufklärung, sondern bedienten vielmehr eine schuldkultige Vergangenheitsbewältigung, die alles rückwirkend, aus der Perspektive des Nationalsozialismus, zu interpretieren versucht. Dieser Ansatz unterwirft sich einem Trend, um dem heutigen Zeitgeist zu gefallen und ist unter  wissenschaftlichen Gesichtspunkten sowohl unseriös, als auch für ein Verständnis dieser Krisenjahre völlig ungeeignet, denn die Ursachen und Zeitumstände, von denen die Handelnden getrieben wurden, bleiben unberücksichtigt. Die Antworten auf die kausalen Fragen finden sich vor 1924 und nicht nach 1933.

Leider ist die tonangebende politisch-mediale Kaste, mangels geschichtlicher Bildung und Anbiederung an den historisch-korrekten Zeitgeist, geneigt solch fragwürdigen Bewertungen zu folgen, was sich in einer verfehlten Erinnerungskultur und absurden Maßnahmen niederschlägt. Den damals Betroffenen, sowohl dem unterdrückten und leidenden Pfälzer Volk, als auch den aktiven Widerstandskämpfern, die vorwiegend von patriotischen Motiven geleitet wurden, wird man mit dieser Haltung nicht gerecht.

Literaturhinweise (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

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Oskar Schäfer:                   Die Pirmasenser Separatistenzeit 1923/1924, Verlag
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Pfälzische Rundschau:      Niemals!  Dokumente aus dem Befreiungskampf
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Staatskommissar für die    Die Pfalz unter französischer Besatzung von 1918
bis 1930 Pfalz (Hrsg.): München 1930

General Henry T. Allen:    Mein Rheinland-Tagebuch, Verlag Reimar
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ders.:                                  Zehn Jahre Fremdherrschaft am deutschen Rhein,
Verlag R. Hobbing, Berlin

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Prof. Dr. Friedr. Grimm:   Frankreich am Rhein, Hanseatische
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Karlheinz Linz:                  Großkampftage aus der Separatistenzeit in der
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Paul Jacquot:                     General Gerard u. die Pfalz, Verlag Julius Springer,
Berlin

Landauer Anzeiger:           Franzosenzeit, Sonderdruck 1930

Zimmermann Ludwig:      Frankreichs Ruhrpolitik, Göttingen 1971

Krumeich/Schröder:          Der Schatten des Weltkrieges: Die Ruhrbesetzung,
Essen 2004


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