Was wir von den Kölnern alles lernen können

Wenige Tage nach der berühmt –berüchtigten Kölner Silvesternacht von 2015, nachdem alle behördenseitige Vertuschungsversuche fehlgeschlagen waren, wurde zur Problemlösung ein neues Längenmaß eingeführt, welches als der „Kölner Reker“ in die Geschichte eingehen wird. Es handelt sich dabei um die durchschnittliche Armlänge einer mitteleuropäischen, weißen Frau und wurde von der Kölner Oberbürgermeisterin, Frau Reker angepriesen, um durch eine Abstandseinhaltung in eben dieser Länge unerwünschten Annäherungsversuchen und sexueller Belästigung vorzubeugen. Hinsichtlich seiner universellen Alltagstauglichkeit bestehen bei Sicherheitsexperten noch Zweifel. Insbesondere dort wo Gedrängel unvermeidbar ist (öffentliche Verkehrsmittel, Festivitäten mit hohem Besucheraufkommen etc.) mag die zielführende Anwendung des „Kölner Rekers“ eingeschränkt sein. Außerdem legt die vermehrt auftretende Verwendung von Hieb- und Stichwerkzeugen nahe, den „Kölner Reker“ um ein Maß X, welches der Länge der Tatwaffe Rechnung trägt zu vergrößern.
Ob der „Kölner Reker“ bereits in eine EU-Norm gegossen und europaweit harmonisiert wurde, konnte zum momentanen Stand nicht geklärt werden.

Im Frühjahr 2017 wurde dann in einem 1400 Seiten dicken Bericht abschließend rekonstruiert, was damals in der Silvesternacht 2015/16 alles schief gegangen ist. Insgesamt gingen rund 1200 Strafanzeigen ein, darunter ca. 500 wegen sexueller Übergriffe. Wohlgemerkt nicht über die gesamte Stadt verteilt, sondern begrenzt auf die sogenannte Kölner Domplatte.

Ein Grund für die vielen sexuellen Belästigungen war das Versagen der Sicherheitsbehörden, sprich der Polizei. Ein Beispiel, wörtlich zitiert aus dem Bericht:
 „Um 23.29 Uhr meldete eine Bürgerin bei der Leitstelle, daß sie und eine Freundin von mehreren männlichen Personen belästigt und auch schon unter den Rock gefaßt worden sei. Sie habe uniformierte Beamte am Bahnhof angesprochen, die sie auf die 110 verwiesen hätten.“

Man muß sich das so vorstellen: Während Frau von mehreren jungen Männern bedrängt und an primären und sekundären Geschlechtsorganen begrapscht wird, ruft sie seelenruhig die 110 an, schildert ihre prekäre Situation und wartet ab bis Hilfe kommt.  Soweit so schlecht.

 „Die Polizei – dein Freud und Helfer“, dieser Sinnspruch scheint der Vergangenheit anzugehören und sollte nur noch als Gute-Nacht-Geschichte Verwendung finden.
Bis Ende 2016 waren gerade einmal sechs der Täter ermittelt und verurteilt worden, die meisten nur zu Bewährungsstrafen.

Wir stellen fest: Polizei und Justiz sind in besonderen  Lagen nicht mehr fähig die öffentliche Sicherheit und eine angemessene Strafverfolgung zu gewährleisten.

Deshalb ist der Bürger, aber insbesondere die Bürgerin, auf anderweitige Hilfe angewiesen. Diese kommt oft von unerwarteter Seite, weshalb wir der Kölner Oberbürgermeisterin für ihren oben erwähnten Abstandhalter dankbar sein sollten.

Aber auch von anderswo sind Retter im Anmarsch. Superhelden*innen mit dem Titel „Anti-Sexismus-Botschafter*in haben in Antisexismus-Kampagnen angezettelt und mobil gemacht.
Wir berichteten darüber:   
https://buergerprotestspeyer.de/2019/03/01/unsere-neuen-superheldeninnen/

Ganz aktuell gibt es eine neue Kampagne namens „Die Würde von Frauen und Mädchen ist unantastbar“, bei der in Speyer große und kleine Plakate zum Thema aufgehängt werden. Auch diese Kampagne hat ihren Ursprung in Köln.

Wir können uns gut vorstellen, wie der Täter- bzw. Personenkreis (Polizeijargon = Nafri), der bei den Vorkommnissen der Kölner Silvesternacht  besonders  aktiv in Erscheinung trat, von diesen Plakaten und ihrer imperativen Botschaft beeindruckt  sein wird. Ob die Wirksamkeit dem „Kölner Reker“ gleichkommt oder diesen sogar übertrifft bleibt abzuwarten und muß die Erfahrung zeigen.

Zur Auftaktveranstaltung am 14.2.2020, im neuen Trausaal des historischen Rathauses zu Speyer, haben Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler und die Staatsministerin Anne Spiegel, beide im Rang von Antisexismus-Botschafterinnen, ihre Teilnahme zugesagt.  Außerdem  erfahren wir aus der Einladung, daß der Speyerer Arbeitskreis „Gewalt gegen Frauen“ ein Zeichen setzen will.

Wir sind uns nicht ganz sicher, ob „Zeichen setzen“ inzwischen eine politische Zwangshandlung oder nur eine Modeerscheinung ist, bei der sich die Zeichensetzer selbstgefällig in Szene setzen. Gesichert scheint jedoch,  daß  Zeichensetzer und Problemlöser grundsätzlich unterschiedlichen Kategorien angehören.
Letztere sind, insbesondere in der Politik vom Aussterben bedroht, während die Zeichensetzer sich in atemberaubender Schnelligkeit vermehren und immer neue Betätigungsfelder entdecken.
 
Und weil dem so ist, folgt nach der Auftaktveranstaltung die nächste Aktion, bei der  – Sie ahnen es schon –  ein Zeichen gesetzt wird.  Damit bei so vielen  Wiederholungszeichen keine Langeweile aufkommt, wird getanzt, ab 18 Uhr, auf dem Geschirrplätzel, direkt gegenüber des historischen Rathauses. Es soll Leute geben, die ihren Namen tanzen können, in Speyer wird sogar ein  Zeichen gegen Gewalt gegen Frauen getanzt und zwar im Rahmen der weltweiten Kampagne ONE BILLION RISING! Man kommt aus dem Staunen nicht heraus.

https://www.speyer.de/sv_speyer/de/Leben%20in%20Speyer/Ehrenamt/One%20Billion%20Rising/

Ob diese Tanzveranstaltung eine anmutige Samba-Darstellung wird oder ein verschwitztes Gezappel wie beim Christopher Street Day, das dürfen wir am Freitag erleben.  Aber vielleicht wird es sogar ein Jeckenschwoof und  kommt, ebenso wie die beiden anderen Maßnahmen zur Eindämmung von Gewalt gegen Frauen, auch aus der Jeckenhauptstadt Köln.     

Problem erkannt, Gefahr gebannt, die Polizei, die eh überfordert ist, kann getrost Personal abbauen.

Kölle sei dank !


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