OFFENER BRIEF an den Jugendstadtrat Speyer

Fragen zum Poetry Slam,

Ihre Stellungnahmen auf Ihrer Website und YouTube Kanal NEWS SHOCK

Verehrte Mitglieder des Jugendstadtrates!

Ihre Stellungnahmen kann ich leider nicht nachvollziehen, selbst nachdem ich mir den beanstandeten Text gründlich durchgelesen habe. Daher richte ich an Sie folgende Fragen, um deren konkrete Beantwortung ich hiermit bitte:

1. Sie beziehen sich auf GG Art. 3.
Welche Person bzw. welche Personengruppe wurde durch das Gedicht benachteiligt ?
Wie hat sich diese Benachteiligung für diese Person (-gruppe) konkret ausgewirkt (z.B. Jobverlust, Ansehenverlust, finanzielle Einbußen)?

2. Indem Sie Ida-Marie Müller kurzzeitig das Mikrofon abstellten, ihren Vortrag gestört und sie trotz größtem Applaus regelwidrig von der Siegerehrung ausgeschlossen haben, wurde die Vortragende benachteiligt und öffentlich ausgegrenzt. Ist es nicht vielmehr so, daß Sie durch dieses fragwürdige Verhalten gegen das Grundgesetz Art. 3 (3) verstoßen haben, indem Sie Ida-Marie Müller wegen ihrer in Gedichtform vorgetragenen politischen Anschauungen öffentlich diskriminiert und benachteiligt haben?

3. Haben sich die verantwortlichen Akteure bei Ida-Marie Müller für diese öffentliche Ausgrenzung und Benachteiligung entschuldigt ?

4. Sie beziehen sich auf Zivilcourage und die damit verbundene Voraussetzung, daß diese nur dann gegeben sei, wenn man seinen Standpunkt ohne Rücksicht auf eventuelle Folgen in der Öffentlichkeit vertritt. Auch setzt Zivilcourage ein Machtungleichgewicht voraus, d.h. der in diesem Sinne Handelnde stellt sich gegen überlegene Mächte (Obrigkeit, Medien, gesellschaftliche Normen).

Genau das hat Ida-Marie Müller mit Ihrem Gedicht nämlich getan, denn sie hat die opportunistische Heuchelei und Realitätsverweigerung der „Zivilgesellschaft“, ebenso wie die Gesinnungsdiktatur der politischen Korrektheit kritisiert.
Bitte klären Sie mich deshalb auf: Wer hat ohne Rücksicht auf die Folgen aus einer unterlegenen Position Zivilcourage gezeigt? Diejenigen, die das vortrugen, was der Veranstalter hören wollte oder  Ida-Marie Müller mit ihrem provokanten Gedicht ?

5. Ein Poetry Slam ist zweifellos eine künstlerische Veranstaltung. Ohne auf die Qualität der künstlerischen Darbietungen einzugehen, stellt sich für mich folgende Frage: Woher nehmen Sie das Recht, sich über Artikel 5 der Grundgesetzes, welcher die Meinungsfreiheit  und die Freiheit der Kunst festschreibt, hinwegzusetzen?

6. Zu den vielbeschworenen Geboten der Gegenwart gehören „Offenheit“, „Vielfalt“ und „Toleranz“.
Ist es offen, tolerant und im Sinne der Vielfalt (insb. Meinungsvielfalt), wenn man nicht genehme politische Äußerungen unterdrückt und den Meinungsinhaber ausgrenzt, anstatt mit Argumenten sachlich zu diskutieren?

7. Laut YouTube Kanal News Shock, https://www.youtube.com/watch?v=8KtQXrXQYvc, Minute 5:25, planen Sie folgendes: „…soll in Zukunft jeder Teilnehmer verpflichtend einen kurzen Grundsatzkatalog unterschreiben und sich dadurch zu den Grundsätzen und Werten des Poetry Slams bekennen, sollte sich jemand vorab verweigern, dieses anzunehmen, wird eine Teilnahme an unserer Veranstaltung nicht möglich sein.“

7.1. Damit grenzen Sie von vorne herein Teilnehmer aus, die abweichende, kritische Beiträge zum Besten geben wollen. Wie vereinbaren Sie dies mit den eigenen Vorstellungen von Offenheit, Vielfalt und Toleranz und Art. 3 GG (Diskriminierungsverbot)?

7.2. Außerdem erinnert diese Art der Einschränkung  an die Zustände der DDR, wo z.B. die Geschichtswissenschaft nicht frei war, sondern die Geschichte im Sinne der Lehren des Marxismus-Leninismus interpretiert werden mußte. Wer sich an diese Grundsätze nicht hielt, für den war eine Veröffentlichung oder eine Teilnahme am universitären Lehrbetrieb nicht möglich. Ähnliches kündigen Sie an.
Halten Sie diese Art von Gesinnungsgängelei für erstrebens- und nachahmenswert in unserer freiheitlich orientierten Gesellschaft ?

7.3.  Art.5(1) GG legt fest, daß eine Zensur nicht stattfindet und zwar im konkreten Kontext mit Meinungs- und künstlerischer Freiheit. Wie stellen Sie sicher, daß ihre vorverpflichtende Grundsatzerklärung  nicht eine Vorzensur ist und sich gegen die Intentionen des Grundgesetzes richtet ?

Ihren Antworten sehe ich mit Interesse entgegen.
Ich werde sie der interessierten Öffentlichkeit ebenso zur Kenntnis bringen wie diesen Brief.

Mit freundlichen Grüßen,

Matthias Schneider/11.11.2018


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